Veranstaltung Lauchhammer / Bukowc, Ausstellung
Sektion Biennale
Laufzeit 07 Aug — 23 Aug 2026
Ort Lauchhammer, Heinrich-Zille-Str. 1, Landkreis Oberspreewald-Lausitz
Lauchhammer Neustadt 1 ist geprägt von langen Zeilenbauten aus der prosperierenden Zeit der 1950er- und 1960er-Jahre der ehemaligen DDR, deren Fenster heute vielfach leer stehen. Einst als Wohnort für Arbeiter:innen der umliegenden Industrie konzipiert, verkörperte dieser Teil von Lauchhammer Aufbruch, Versorgungssicherheit sowie ein Versprechen von Stabilität und Zukunft.
Mit dem Rückgang der Industrie und dem Ende des Braunkohleabbaus verlor das Viertel jedoch seine ökonomische und soziale Grundlage. Wohnungen wurden aufgegeben, ganze Häuserzeilen vernagelt, Infrastrukturen verschwanden schrittweise. Zurück blieb eine fragmentierte Stadtlandschaft, in der sich Vergangenheit und Gegenwart überlagern.
Zwischen verbliebenen Bewohner:innen, brachliegenden Flächen und ersten Ansätzen neuer Nutzung zeigt sich der Strukturwandel hier im Kleinen. Lauchhammer Neustadt 1 steht exemplarisch für die Frage, wie Orte weiterbestehen können, wenn ihre ursprüngliche Funktion wegfällt und welche neuen Bedeutungen sich in den entstehenden Leerstellen entwickeln.
Für die Lausitz Biennale wird einer der leerstehenden Wohnblocks erstmals wieder geöffnet und als temporärer Kunstraum aktiviert. Hier werden Fragen nach Verlust, Erinnerung und Zukunft neu verhandelt.
Künstlerische Positionen
Christian Hasuchas Arbeit „m i t t l e r w e i l e“ bespielt die rund 50 Meter lange Fassade eines leerstehenden Gebäudes. Ausgehend von zugemauerten und mit Holzplatten verschlossenen Fenstern greift Hasucha das bestehende visuelle Patchwork auf und ergänzt es durch zwölf weitere Platten im ersten Obergeschoss. Darauf erscheinen überdimensionierte Buchstaben, die zusammen das Wort „mittlerweile“ bilden. Abends und nachts werden die Buchstaben durch Lichtprojektionen sichtbar. Im Wechsel von Erscheinen und Verschwinden wird das „Mittlerweile“ als Zustand des Übergangs erfahrbar.
Claudia Pilsl nutzt eine partizipative fotografische Technik kameraloser Fotografie. bei der Pflanzen direkt auf lichtempfindlichem Material abgebildet werden. Gemeinsam mit Bewohner:innen sammelt sie auf Spaziergänge durch den Stadtteil heimische Pflanzen, in einer der leerstehenden Wohnungen vermittelt Pilsl die fotografische Technik und eröffnet einen Raum für gemeinsames künstlerisches Arbeiten.
Das Künstlerinnenduo Matrosenhunde realisiert mit „Noch ist nichts verloren“ eine interaktive Installation, die das Gebäude Zillestraße 1 in ein begehbares Buch verwandelt. Großformatige Stoffbahnen, die aus Fenstern und von Balkonen hängen, tragen Zeichnungen und Textfragmente aus Gesprächen mit Bewohner:innen. Persönliche Erinnerungen, Alltagsbeobachtungen und historische Spuren verweben sich zu einem vielschichtigen Narrativ. Ein QR-Code führt zu erweiterten Texten und einer digitalen Karte der Gesprächsorte.
Anke Hannemanns Installation „VERITAS“ verbindet eine modifizierte Nähmaschine des VEB Nähmaschinen Wittenberge mit einer historischen Hochzeitsfotografie ihrer Urgroßeltern in sorbischer Tracht. Die Maschine näht mit vergoldeter Nadel unaufhörlich im Rückwärtsgang – ein Prozess, der kein Produkt hervorbringt, sondern sich selbst aufhebt.
Diese Bewegung wird zum Sinnbild für den Versuch, Vergangenes festzuhalten, ohne es tatsächlich zurückholen zu können.
Das partizipative Projekt „Spurlos verschwunden“ von Frida Teller und Marie Kublik widmet sich der Frage nach der Sichtbarkeit von Lyrikerinnen in der DDR und heute. In Workshops treten Texte von DDR-Autorinnen in Dialog mit den Stimmen der Gegenwart. Drei Schreibwerkstätten werden durch zwei Stick-Workshops ergänzt, in denen Verse und persönliche Aussagen auf Stoff übertragen werden.
Im Zentrum von Anja Nürnbergs großformatigen Kohlestiftzeichnungen „Ikarus 280.3 – Niederlausitzer Stimmen“ steht der Gelenkbus Ikarus 280.3 – einst ein prägendes Element des Alltags in der DDR. Die Arbeiten verdichten Erinnerungen an überfüllte Busfahrten, den Geruch von Diesel und Kohlestaub sowie soziale Dynamiken („Schlenki“ und „Schlipsbus“) zu einem atmosphärischen Bildraum.
Louisa Frauenheim entwickelt eine Sound-Boden-Installation in einem ehemaligen Wartebereich einer Bushaltestelle. Mehrere Megafone erzeugen in Intervallen das Dröhnen von Presslufthämmern, gefolgt von Phasen absoluter Stille. Diese rhythmische Abfolge wird körperlich erfahrbar und verweist auf Spannungsfelder zwischen Arbeit und Zerstörung, Fortschritt und Überforderung.
Die Videoarbeit „Letzte Kumpel“ von Johannes Weilandt porträtiert vier ehemalige Bergleute aus dem Mansfelder Land und ihre Perspektiven auf eine verschwundene Arbeitswelt. Im Mittelpunkt stehen Erinnerungen an körperliche Arbeit, Kameradschaft und den Verlust eines identitätsstiftenden Systems. Heute treffen sich die Protagonisten in einem Schützenverein – einem neuen sozialen Raum im postindustriellen Alltag. Ein begleitendes Gesprächsformat lädt das Publikum zur direkten Auseinandersetzung mit den Themen ein.
Künstler
Louisa Frauenheim
Louisa Frauenheim (1990 in Hamburg/DE) ist bildende Künstlerin und lebt und arbeitet in Berlin. Sie studierte von 2016 bis 2022 Bildende Kunst an der Universität der Künste Berlin, wo sie ihr Studium mit Auszeichnung abschloss und 2022 zur …
mehr über Louisa FrauenheimJohannes Weilandt
Johannes Weilandt (*1991 in Halle (Saale)) ist bildender Künstler und lebt und arbeitet in Berlin und Halle (Saale). Von 2011 bis 2017 studierte er Freie Kunst sowie Bühnen- und Kostümbild an der Kunsthochschule Berlin Weißensee und schloss sein …
mehr über Johannes WeilandtClaudia Pilsl
Claudia Pilsl (*1965 in Wels/AT) ist Künstlerin und Wissenschaftlerin mit Schwerpunkt auf Fotografie und Film. Sie studierte an der Hochschule für angewandte Kunst Wien sowie an der Hochschule der Künste Berlin. Von 2011 bis 2013 absolvierte sie den …
mehr über Claudia PilslChristian Hasucha
Christian Hasucha (*1955 in West-Berlin/BRD) ist bildender Künstler mit Sitz in Berlin. Er studierte Freie Kunst an der Hochschule der Künste Berlin sowie an der Chelsea School of Art in London.
mehr über Christian HasuchaMatrosenhunde
Matrosenhunde suchen und finden und verweben Erlebnisse mit den jeweils subjektiven eigenen Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen.
mehr über MatrosenhundeAnke Hannemann
Anke Hannemann (*1980 in Cottbus/GDR) ist Mixed-Media-Künstlerin und Lecturer. Sie studierte Englische Literatur und Kunstgeschichte an der Technischen Universität Dresden, Freie Kunst an der Bauhaus-Universität Weimar sowie Sound und Performance …
mehr über Anke HannemannMarie Kublik & Frida Teller
mehr über Marie Kublik & Frida TellerAnja Nürnberg
Anja Nürnberg (*1982 in Magdeburg) ist bildende Künstlerin und lebt und arbeitet seit 2008 in Halle (Saale). Nach einem Studium der Internationalen Betriebswirtschaft in Deutschland und den USA absolvierte sie von 2008 bis 2013 ein Studium der …
mehr über Anja NürnbergBernhard Schipper
Bernhard Schipper (*1970 in Bautzen/DDR) ist Medienkünstler und Materialwissenschaftler. Er studierte Bildende Kunst mit Schwerpunkt Medienkunst/Intermedia an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Prof. Alba D’Urbano und schloss sein …
mehr über Bernhard Schipper